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Elin Kolev aus Zwickau - Vom Wunderkind zum gestandenen Künstler

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Mit acht Jahren steht Elin Kolev das erste Mal auf der großen Bühne. Mit zwölf begeistert der hochbegabte Geiger die Carnegie Hall in New York. Heute arbeitet das Zwickauer Talent an seiner Solistenkarriere. Mit dem Etikett „Wunderkind“ konnte der in Zwickau geborene Geiger Elin Kolev noch nie etwas anfangen. Inzwischen ist aus dem jungen Talent ein gestandener Künstler geworden. „Natürlich ist der Begriff 'Wunderkind' irgendwie ein Teil von mir, schon allein aufgrund des Films“, erzählt der 21-Jährige bei einem seiner Heimatbesuche der Nachrichtenagentur dpa.Vor mittlerweile acht Jahren übernahm er die Hauptrolle in dem Film „Wunderkinder“ von Artur Brauner, der den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in der Sowjetunion thematisiert. Als Abrascha spielte Elin Kolev mit gerade einmal 14 Jahren quasi sich selbst: einen hochbegabten Violinisten.Seit er fünf Jahre alt ist, gehört die Geige zu seinem Leben. Zunächst erlernt er das Instrument am Zwickauer Robert-Schumann-Konservatorium, benannt nach einem der wichtigsten Söhne der Stadt. Sein Talent bleibt nicht lange unbemerkt. Mit acht Jahren steht er in seiner Heimatstadt das erste Mal vor großem Publikum auf der Bühne. Mit zehn wechselt Kolev als Jungstudent an die Musikhochschule nach Leipzig.Nur vier Jahre später nimmt er mit Vater und Mutter im Auto regelmäßig rund 1000 Kilometer Hin- und Rückreise auf sich, um bei Josef Rissin an der Musikhochschule in Karlsruhe zu studieren. Mit 16 Jahren zieht er endgültig bei seinen Eltern aus, beide selbst professionelle Violinisten in Orchestern der Region. Inzwischen nimmt er seinen Master-Abschluss in Angriff. Sein Mentor Rissin, der zu den gefragtesten Violin-Pädagogen gehört, habe ihm in den vergangenen Jahren sehr vieles beigebracht, sowohl auf der Bühne als auch abseits dessen.Wie viele Jungstudenten derzeit an Deutschlands Musikhochschulen studieren, ist nicht zentral erfasst, sagt Christiane Schwerdtfeger vom Deutschen Musikinformationszentrum. Allein die Musikhochschule München bilde demnach rund 50 junge Talente aus. Auch die Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen, in der sich 24 solcher Einrichtungen zusammengeschlossen haben, erfasst dazu keine Zahlen.Als Jungstudierende gelten demnach Kinder und Jugendliche mit einer außergewöhnlichen musikalischen Begabung, die kein ordentliches Studium aufnehmen können, weil sie noch die Schule besuchen. Jede Hochschule definiere dafür eigene Voraussetzungen und Unterrichtsinhalte, erläutert Geschäftsstellenleiterin Anna Körber.Neben der hochqualifizierten Ausbildung konzentriere man sich auf die Persönlichkeitsbildung. „Hierbei liegen die Schwerpunkte auf der Stärkung der Sozialkompetenz, Ensembleerfahrung durch Angebote von Kammermusik, Orchester- und Chorarbeit sowie im Selbstmanagement, zum Beispiel beim Umgang mit Lampenfieber.“Was sich Elin Kolev selbst erarbeiten musste: Wie er als freischaffender Künstler von seiner Musik leben kann. „Da bin ich mithilfe meiner Eltern hineingewachsen“, berichtet er. Als „Familienbetrieb“ organisiere er gemeinsam mit Mutter und Vater als Management seine Konzerttermine selbst. Schon als er seine ersten Kinderkonzerte gegeben habe - unter anderem stand er als 12-Jähriger in der Carnegie Hall in New York - hätten sie ihre schützende Hand über ihn gehalten.„Ich hatte nie das Gefühl, meine Kindheit verpasst zu haben. Ich hatte normale Freundschaften, bin auch mal feiern gegangen.“ Auf der anderen Seite habe ihm die Musik eine völlig andere Welt eröffnet: viele Reisen, viele Bekanntschaften und viele prägende Erlebnisse. „Das sind die wahren Geschenke im Leben“, meint der Künstler, der in der Pfalz ganz bodenständig in einer WG lebt. Mit Nicht-Musikstudenten wohlgemerkt. Alles andere sei für die Nachbarn nicht zu ertragen, ergänzt er grinsend.Denn seine Geige nimmt er täglich zur Hand. Seit neun Jahren spielt er auf einer Violine des florentinischen Geigenbauers Lorenzo Carcassi von 1749, die ihm die Albert-Eckstein-Stiftung zur Verfügung stellt. Die 2005 gegründete Organisation unterstützt auf diese Weise mehr als 40 junge Talente. Kolev gehört zu den wenigen langjährigen Stipendiaten.Seit September 2017 wird er zudem als „New Talent“ des SWR2 gefördert. Damit sind Sendungen im Radio, Auftritte bei Festivals und Konzerte verbunden. Die Jury begründete ihre Entscheidung mit Kolevs „geigerischer Hochbegabung“ und seiner „ungewöhnlichen Ausstrahlung und Bühnenpräsenz“.Tatsächlich inszeniert der Musiker keine Show á la David Garrett, sondern steht wie zuletzt im Zwickauer Dom hochkonzentriert auf der Bühne, lenkt die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf die Musik und nicht auf seine Person. Auch im Gespräch bleibt er bescheiden, zurückhaltend, manchmal fast schüchtern.„Meine Musik ist, was mich ausmacht und wer ich bin“, sagt Elin Kolev über sich selbst. Dabei sei er noch lange nicht am Ende der Fahnenstange angekommen. „Allein Vivaldi hat mehr als 200 Konzerte für Violine geschrieben. Es gibt mehr Musik, als man in einem Leben schaffen kann.“ Aktuell sei er dabei, sich immer wieder aus seiner Komfortzone als Solist herauszuwagen, um eine eigene Künstlerpersönlichkeit zu entwickeln.Ob Wunderkind oder nicht - am Ende sei eine Künstlerkarriere immer harte Arbeit, ist Martina von Brüning überzeugt. Die freie Agentin ist im Förderverein der Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ aktiv und hat damit ständig junge Talente vor der Nase. „Am Ende können nicht alle nach ganz oben. Aber solche Ausnahmetalente fallen schon sehr früh auf, weil sie nicht nur über ein unheimliches Niveau verfügen, sondern auch über eine Persönlichkeit mit dem gewissen Etwas.“Momentan teste er aus, wie viel unterschiedliches Programm man sich gleichzeitig erarbeiten könne, meint Kolev. „Von Klassik bis zeitgenössische Musik. Die ist mitunter so wild und irrational, dass es kaum ohne Noten machbar ist.“ Außerdem würde er gern einmal das 1. Violinkonzert von Dmitri Schostakowitsch vor Publikum spielen. Und Auftritte in der Oper von Sydney oder der Hamburger Elbphilharmonie stünden auch noch auf dem Wunschzettel, meint er schmunzelnd. (dpa)