• Symbolbild © Robert Michael/ dpa

    Symbolbild © Robert Michael/ dpa

HBK-Notfallmediziner warnt vor Kollaps der Krankenhäuser im Kreis Zwickau

Zuletzt aktualisiert:

Ein Arzt aus der HBK-Notaufnahme warnt angesichts steigender Corona-Infektionen vor einem Kollaps der Kliniken im Landkreis. In einem Facebookbeitrag, der mehrere tausendmal geteilt wurde, rechnet Oberarzt Michael J. Horn vor, dass im schlimmsten Fall im Kreis Zwickau 15.000 Betten und 1.500 Beatmungsplätze benötigt werden. In den vier Krankenhäusern stünden gerade mal 2.000 Betten und höchstens 200 Beatmungsplätze zur Verfügung. Andere Patienten, z.B. mit Herzinfarkt oder Schlaganfall, seien dabei gar nicht berücksichtigt.

Am HBK bereite man sich aktuell auf den Gipfel der Pandemie vor. Seit Donnerstag würden reguläre Stationen geschlossen und Pandemiestationen eröffnet, so Horn. Er rät allen, körperliche Kontakte so minimal wie möglich zu halten und nicht ins Krankenhaus zu gehen, wenn man "hüsteln" muss. 

-------------

Hier das Schreiben im Wortlaut:

"Wie bereits vor einigen Tagen erwähnt, vermeide ich es eigentlich, hier in der Öffentlichkeit meine Meinung zu teilen. Im normalen Alltag ist diese für die Allgemeinheit auch uninteressant.
Inzwischen finde ich hier, in unserer Gruppe (gemeint ist die Facebook-Gruppe "Werdau unsere Heimat", Anm. d. Red.), die eigentlich zusammenführen, verbinden und ein Raum des Austausches sein sollte, unfassbare, zynische und unendlich verstörende verbale Entgleisungen.
Vielleicht könnten sich alle Hobbymediziner, Amateurepidemologen, Möchtegernimmunologen und Sofaspezialisten für Bevölkerungsentwicklung einfach mal zurückhalten und die Klappe halten. Es nervt, es verunsichert und es wird zunehmend unverantwortlich. Ein wenig doof sind einige Kommentare ja auch. Und damit peinlich für Diejenigewelche.
Hebt Eure flimmergeschädigten Augen vom Monitor und geht an die Luft. Macht Atemübungen oder Kniebeuge oder so.
Hört auf, über Balken- und Kreisdiagrammen zu brüten und pseudowissenschaftliche Ergüsse zu produzieren.
Inzwischen gibt es hier Stimmen, die verkünden, man könne doch die Alten gehen (gemeint ist sterben) lassen.... Merkt Ihrs noch? Wann folgen die Behinderten, die Asthmatiker, die anderen chronisch Kranken? Ist das arrogante Ignoranz oder ist das schlichtweg Dummheit?
Wer hier verkündet, die Influenza wäre doch vergleichbar mit dem Coronavirus, also eigentlich vergleichbar und alles Panikmache, der hat den entscheidenden Unterschied nicht erkannt und schon gar nicht verstanden. Ja, an der Grippe sterben jährlich zigtausende. Aber was ist die große Gefahr, das Szenario, das uns jetzt in der aktuellen Situation noch bevorstehen könnte (hoffentlich bitte nicht!) Die Influenza, die Waldundwiesengrippe, verläuft Jahr für Jahr über etwa 6 Monate von Oktober und März mit kontinuierlichen Erkrankungen, Genesungen und eben auch Todesfällen. Immer mal wieder müssen schwer Erkrankte in Kliniken aufgenommen werden, sagen wir mal täglich 2-3 in einer Klinik. Zahlenmäßig kein Problem. Warum sterben jetzt innerhalb weniger Wochen tausende (erst China, dann Italien, seit einer Woche Spanien, seit ein paar Tagen beängstigend zunehmend Frankreich)? Warum sieht man Menschen, die in Kliniken auf dem Boden liegen und Krankenschwestern, die weinend vor der Notaufnahme stehen? Warum sehen wir Zelte mit unzähligen Leichen in New York? Wann gab es das zuletzt? Bei der spanischen Grippe 1918 bis 1920. Drei Jahre mit 20 - 40 Millionen Toten. Diese verlief übrigens zweigipflig. Nachdem Entwarnung gegeben wurde, fing alles von vorne an. Auch das Sterben. Lest es nach.
Was ist nun anders bei Corona? Wovor haben WIR, die wir in der Notaufnahme und in der Klinik an der Front stehen (seit über 2 Wochen am Rande der Erschöpfung) solche Angst?
Das Coronavirus führt innerhalb kurzer Zeit zu einem rasanten Anstieg der Infizierten, auch der Schwererkrankten und der Patienten, die beatmet werden müssen. Wir reden hier von ein zwei Wochen. Und nicht von 6 Monaten, wie bei der Grippe, bei der sich die Zahlen verteilen. In aller Regel 10 Tage nach der Infektion kommt es in 10 Prozent der Fälle zu schweren Verläufen. Versteht Ihr, wovon ich rede? Wir reden vom Kollaps der Kliniken innerhalb kurzer Zeit. Und hätten dann die gleichen Verhältnisse wie in den anderen Ländern. Die hohen Fallzahlen dort sind ja nicht bedingt, weil die Menschen dort kränker oder die Ärzte unfähiger wären. Die Zahlen explodieren, weil die Kliniken die Kranken einfach nicht mehr behandeln kann. Ende Gelände. Nichts geht mehr.
Momentan ist alles noch überschaubar. Könnte man meinen. Aber was passiert, wenn in ca. 10 Tagen die schweren Verläufe anfangen (für alle, die jetzt besserwisserisch den Finger heben: zunehmend sind auch jüngere Menschen betroffen und nun auch Kinder)? Es ist für uns Notfallmediziner ein rein rechnerisches Problem: Landkreis Zwickau 300.000 Einwohner (alle Zahlen circa). Anzunehmende Infektionszahl 40 - 60 Prozent = 150.000 Kranke. 10 % schwere Verläufe =15.000 Kranke, beatmungspflichtige Patienten 1% von 150.000 = 1.500 Patienten. Zahl der Krankenhäuser im Landkreis = 4. Zahl der Betten = 2000. Beatmungsplätze: vielleicht 100. Vielleicht 200. Eher weniger. Selbst wenn es uns gelänge, die Bettenzahl zu verdoppeln, könnten wir nur einen Bruchteil der Kranken behandeln. Was wäre in diesem Zeitraum mit anderen Patienten? Verkehrsunfällen? Herzinfarkten? Schlaganfällen? Für die gäbe es dann auch keine ITS Betten mehr. Versteht Ihr worum es geht? Was ich schildere, ist der Extremfall, der Worst Case,wie wir in der Notfallmedizin sagen. Ist das übertrieben? Nein, denn genau dieses Szenario läuft gerade in den oben genannten Ländern. Weil sie einfach zwei drei Wochen eher dran und nicht wirklich vorbereitet waren. Ich möchte alles andere als Panik machen. Ich wollte Euch nur schildern, worauf wir uns in der Notaufnahme vorbereiten und was uns Angst macht.
Und nun würde ich alle ultraschlauen Internetrechercheure und Youtubeanalysten dringend bitten, einfach mal die klugen Aberaberklappen zu halten und sich in Zurückhaltung zu üben. Das wäre nun wirklich klug und vernünftig.
Mit freundlichen Grüßen aus der Notaufnahme HBK Zwickau (seit gestern sind wir gezwungen, reguläre Stationen zu schließen und Pandemiestationen zu eröffnen - nur mal so, weil's ja alles nicht so schlimm ist.....)
Und, um es noch einmal zu betonen: Die Lösung ist so einfach. Haltet die körperlichen Kontakte so minimal wie möglich. Steckt Euch nicht an und andere nicht. Geht nur ins Krankenhaus, wenn ihr richtig krank seid. Und nicht, wenn Ihr hüsteln müsst. Ihr würdet uns sehr helfen. Allen sehr helfen.
Vielleicht ist die jetzige Situation eine Chance, in unsere durch Hass und Ausgrenzung, Anfeindungen und politische Propaganda aufgeheizte Gesellschaft, wieder etwas Ruhe zu bringen. Wir sind Einwohner einer Stadt. Bürger. Nachbarn. Wir sind keine Gegner und Feinde. Keine Rote oder Grüne. Keine Nazis und keine Faschos und keine radikalen Vertreter irgendeiner Ideologie. Wir sind Menschen in einer schwierigen Situation.
Bleibt cool. Und bleibt zu Hause.
Eines noch an die Verantwortlichen an den Schulen und im Bildungssystem: überdenkt die verantwortungslose Entscheidung, in den nächsten Wochen irgendwelche Prüfungen durchzuführen. Ihr setzt die Gesundheit unserer Kinder aufs Spiel. Der Gipfel der Pandemie steht uns noch bevor.
M. Horn
Oberarzt in der Zentralen Notaufnahme HBK

PS: Sollte alles glimpflich verlaufen, was ich momentan nur all zu sehr wünsche, seid hinterher, wenn alles ausgestanden ist, nicht neunmalschlau und sagt: "War ja alles gar nicht so schlimm".
Das war's. Lag mir brennend auf dem Herzen."