Zwickauer gedenken Enver Simsek und der Opfer von Halle
In Zwickau haben am Freitagabend zahreiche Menschen an das erste Mordopfer der Neonazi-Terrorzelle NSU erinnert. Die Nachrichtenagentur dpa meldete rund 400 Teilnehmer, die Polizei sprach spät am Abend von „in der Spitze ca. 250 Personen.“ Sie legten an der Stelle, an der vor einer Woche ein Gedenkbaum für Enver Simsek abgesägt worden war, eine Schweigeminute für alle Opfer rechter Gewalt sowie die zwei Toten von Halle ein. „Wir sollten endlich aufhören uns wegzuducken, weil aus Worten Taten werden“, sagte ein Zwickauer.
Eine Frau sang im Gedenken an den Anschlag auf die Hallenser Synagoge vom Mittwoch ein Lied auf Jiddisch, das 1941 von einem KZ-Häftling geschrieben worden war. Die Tat hat die Diskussion über das Thema Rechtsextremismus erneut aufflammen lassen. Ein schwerbewaffneter 27-Jähriger hatte versucht, in die Synagoge in Halle einzudringen und unter Dutzenden Gläubigen ein Blutbad anzurichten. Sein Versuch scheiterte, woraufhin er zwei Menschen erschoss und mindestens zwei weitere verletzte. Der Mann hat seine Tat mittlerweile gestanden und auch ein rechtsextremistisches Motiv eingeräumt.
In Zwickau hatte der von Unbekannten abgesägte Baum zunächst Empörung und dann eine Welle der Solidarität ausgelöst. An dem Gedenkort wurden die ganze Woche über Blumen abgelegt und eingepflanzt. Bereits am Montag hatten rund 120 Schüler und Lehrer eines nahe gelegenen Gymnasiums in ihrer Mittagspause der Opfer gedacht. Die Gedenkveranstaltung von Freitag war von Bürgern initiiert worden. „Mit dem Gedenken darf die Aufarbeitung der Taten des NSU nicht beendet sein“, sagte Chris Schlüter, der die Versammlung angemeldet hatte. Die Zivilgesellschaft habe die Verantwortung und die Pflicht, solchen Taten entgegen zu treten und Haltung zu zeigen.
Der Baum soll Anfang November ersetzt werden - zusammen mit neun weiteren Bäumen, um an die weiteren Mordopfer der Rechtsterroristen zu erinnern. Bei der Stadt gingen laut Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD), die ebenfalls an dem Gedenken teilnahm, bereits zahlreiche Spenden ein. Ein privater Aufruf eines gebürtigen Zwickauers hat inzwischen knapp 4000 Euro eingespielt.
Die „AG Gedenken an die Opfer des NSU“, in der sich Vertreter von Stadtverwaltung und Zivilgesellschaft am vergangenen Mittwoch erstmals trafen, will weitere Ideen entwickeln, wie Zwickau zukünftig mit diesem Kapitel umgehen könnte.
Solange wollen die Zwickauer den Gedenkort für Enver Simsek nicht aus den Augen verlieren. Bereits am kommenden Montag (14.30 Uhr) will das Theater Plauen-Zwickau mit Blumen und Liedern ein Signal gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus setzen. Außerdem wurde eine ebenfalls zerstörte Gedenkbank für den getöteten Blumenhändler repariert und wieder aufgestellt.
Auch die Frage nach einem NSU-Dokumentationszentrum in Zwickau bekommt durch die Ereignisse Aufwind. Am 3. November soll ein provisorisches Doku-Zentrum in einem Pop-up-Store öffnen, um eine Woche lang die Hintergründe und das Unterstützernetzwerk des NSU zu beleuchten. (dpa mit gt)