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  • Zehn "Wiedererkenner" gibt es bei der sächsischen Polizei - sie können sich Gesichter besonders gut merken (Symbolbild)

Sachsens Polizei hat zehn davon: Exklusiv-Interview mit einem Gesichtsprofi

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Es ist schon ein Paradox: Sie kennen alle Gesichter gesuchter Verbrecher in Sachsen, dazu Vermisste, gesuchte RAF-Terroristen. Doch ihr eigenes Gesicht darf niemand kennen!

Sie heißen bei de sächsischen Polizei „Wiedererkenner“ oder „Super Recognizer“ und haben die extrem seltene Fähigkeit, sich Gesichter von Menschen extrem gut einprägen und immer wieder abrufen zu können. Laut sächsischem Innenministerium gibt es nur zehn Beamte im Freistaat, die diesen Titel bei der Polizei tragen dürfen. Eine Kriminaloberkommissarin aus Dresden hat mit unserem Sender exklusiv über ihre Arbeit gesprochen. Ihr Name bleibt geheim, wie auch ihr Aussehen, denn sie ermittelt inkognito. Keiner soll wissen, wer da bei Fußballspielen oder Demos die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen findet - also das Gesicht, was die anderen Kollegen eben nicht unbedingt wiedererkennen. 

Aber wie wird man so was? „Gute Frage“, lacht die Beamtin. „Am Ende ist es eine natürliche Fähigkeit, die einem gegeben ist. Es sind nicht viele Menschen, die das haben, nur ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung. Lernen kann man die Fähigkeit der Gesichtserkennung nicht.“ Sie selbst habe dieses Talent schon in ihrer Jugend bemerkt. Man sagt, im Teenageralter bildet es sich heraus. Sie habe in ihrem Umfeld öfter Personen erkannt, dann hieß es aber oft: „Nee, die kannst du nicht kennen, woher denn? Ich war mir aber sicher und habe da eben schon gemerkt, irgendwie ist das eine Fähigkeit“, erklärt sie weiter. Wenn sie ein Gesicht wiedererkennt, sei es „wie in Blitz“, der durch einen durchfährt. „Man weiß plötzlich: das Gesicht hast Du schon mal in einem anderen Fall oder Zusammmenhang gesehen.“ Und das ist für die Polizei extrem wertvoll.

Polizei testet Superhirne

Deswegen lässt sie regelmäßig Polizeibeamte mit diesem Talent testen. Wer beim Zuordnen von Bild- und Videomaterial sowie den Aufgaben fürs Kurz- und Langzeitgedächtnis besteht, darf sich Super Recognizer nennen. 

Die Super Recognizer kommen beispielsweise bei Fußballspielen zum Einsatz, fischen Leute raus, die eigentlich Stadion-Verbot haben und trotzdem zum Spiel wollen. Sie gleichen Fahndungsbilder mit aktuellen Tätern aus Diebstählen, Überfällen, Einbrüchen oder ähnlichem ab, konnten so schon viele Gesuchte zuordnen. „Wir haben Bildmaterial, wo wir fahnden sollen und dann geht es in den Einsatz.. Auch Kollegen kommen zu uns mit Bildern, fragen: könnt ihr bitte mitgucken und dann können wir die Person, wenn wir sie schon kennen, benennen. Und das passiert auch immer häufiger, erzählt die Beamtin aus ihrem Arbeitsalltag. 

Doch es geht nicht nur um die “großen Fische„, auch kleine Fälle sind ihrem Team wichtig: “Wenn ich irgendwo in der Straßenbahn was habe, weil was aufgezeichnet wurde und das ein größeres Verbrechen ist, dann guckt da jeder drauf. Aber wer hilft denn der Familie, wo eben gerade ein Einbruch stattgefunden hat? Jeder kleine Fall ist genauso wichtig wie der große.„ Wie viele Gesichter - es geht immer nur um Straftäter - sie schon zuordnen konnte, will sie nicht sagen. “Aber wir sind schon erfolgreich…„, verrät sie. 

Gesichter top, Namen flop

Und platzt ihr dann nicht irgendwann der Kopf vor lauter Bildmaterial? Die Beamtin sagt: “Eine Anzahl, wieviele Bilder ich im Kopf habe, kann ich nicht benennen, Was man einmal gesehen hat, bleibt auch im Kopf, selbst wenn der Fall abgeschlossen isst. Wir füttern unseren Kopf quasi mit den Gesichtern und das scheint aktuell unendlich möglich.„ Aber bei so einem Superhirn muss es doch irgendeine andere Schwäche geben… “Ja, tatsächlich. Mir Namen zu merken, ist schwierig. Da baue ich mir Eselsbrücken.„ Und den Berufskollegen, die in Sachsen auch untereinander verbunden sind, sei allen ein gewisses kreatives Chaos eigen. Heißt: Ordnung ist optional. 

Daß sie eines Tages mal von Kameraüberwachung und Künstlicher Intelligenz zum Gesichtsabgleich abgelöst wird, fürchtet die Kriminaloberkommissarin nicht. “Es sollte immer Hand in Hand gehen. Zum einen sind die Gegebenheiten (CCTV-Überwachung, d.R.) einfach nicht da. Keiner weiß, ob und wann sie kommen. Ich glaube auch nicht, dass das jeder so möchte, wie das teils in anderen Ländern schon läuft. Wir haben auch nicht die Technik dazu, sie an jeder Ecke dazu zu schalten. Ich finde es wichtig, dass trotz KI der Mensch nochmal drüber schaut und es verifiziert - ist das jetzt die Person oder nicht.„ 

Audio:

Reporterin Claudia Lord im Gespräch mit der Wiedererkennerin