Haftbefehl gegen Amokfahrer von Magdeburg - Saudis warnten - BKA erhielt Hinweis
Gegen den Amokfahrer von Magdeburg ist Haftbefehl erlassen worden. Der 50-Jährige müsse wegen des Vorwurfs fünffachen Mordes, mehrfachen versuchten Mordes und mehrfacher gefährlicher Körperverletzung in Untersuchungshaft, teilte die Polizei am frühen Sonntagmorgen mit. Das Motiv des mutmaßlichen Täters könnte Unzufriedenheit mit dem Umgang von Flüchtlingen aus Saudi-Arabien in Deutschland gewesen sein, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Horst Walter Nopens.
Am Samstagabend hatten sich mehrere Hundert Menschen zu einem Gedenkgottesdienst im Magdeburger Dom versammelt. Vor dem Dom warteten zahlreiche weitere Menschen. Für sie war eine große Videoleinwand aufgebaut, auf die der Gottesdienst übertragen wurde. Vor dem Seitenportal stellten Menschen Dutzende leuchtende Kerzen auf und legten Blumen nieder. In das Gedenken mischten sich aber auch rechte Parolen. Mehrere Hundert Teilnehmer versammelten sich auf einem zentralen Platz. Zu sehen waren dort unter anderem ein Transparent mit dem Wort „Remigration“ sowie sogenannte Heimat-Fahnen. Rufe wie „Wir sind das Volk“ waren zu hören.
BKA-Chef bestätigt: Ja, wir haben einen Hinweis erhalten
Der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, sagte am Samstagabend im ZDF-„heute journal“, das BKA habe im November 2023 einen Hinweis aus Saudi-Arabien zu dem Mann bekommen. „Hier ist auch ein Verfahren eingeleitet worden. Die Polizei in Sachsen-Anhalt hat dann auch entsprechende Ermittlungsmaßnahmen vorgenommen.“ Die Sache sei aber unspezifisch gewesen. „Er hat auch verschiedene Behördenkontakte gehabt, Beleidigungen, auch mal Drohungen ausgesprochen. Er war aber nicht bekannt, was Gewalthandlungen angeht“, sagte Münch zu dem Verdächtigen. Diese Dinge müssten aber nochmal überprüft werden, um zu schauen, ob den Sicherheitsbehörden etwas durchgegangen sei.
Der Amokfahrer war über den Flucht- und Rettungsweg auf den zentralen Platz in Magdeburg gelangt. Die Fahrt habe rund drei Minuten bis zur Festnahme gedauert, sagte Tom-Oliver Langhans, der Direktor der Polizeiinspektion Magdeburg. Vier Erwachsene und ein neunjähriges Kind wurden getötet. Taleb A. war am Freitagabend mit einem Geländewagen auf dem Weihnachtsmarkt in die Menschenmenge gerast. Bundeskanzler Olaf Scholz sprach vor Ort von einer „furchtbaren, wahnsinnigen Tat“.
Amokfahrer war Arzt für suchtkranke Straftäter
Taleb A. kam bereits 2006 nach Deutschland. Zuletzt lebte er in Bernburg, einer kleinen Stadt knapp 50 Kilometer von Magdeburg. Wie eine Sprecherin des Gesundheitsunternehmens Salus mitteilte, war er im Maßregelvollzug tätig. Er habe mit suchtkranken Straftätern gearbeitet und sei seit März 2020 in der Einrichtung tätig gewesen. „Seit Ende Oktober 2024 war er urlaubs- und krankheitsbedingt nicht mehr im Dienst“, hieß es in einer Mitteilung des Unternehmens, das in Bernburg ein Fachklinikum für Psychiatrie und Suchtmedizin betreibt.
„Ich bin der aggressivste Kritiker des Islams“
Im Juni 2019 erschien ein Interview mit Taleb A. in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Ich bin der aggressivste Kritiker des Islams in der Geschichte“, sagte der Mann damals. Neben seinen Beiträgen in den sozialen Netzwerken beriet Taleb A. nach eigenen Aussagen Frauen unter anderem aus Saudi-Arabien bei Asylfragen und vermittelte deren Kontakt auch an internationale Medien.
Warnung aus Saudi-Arabien
Saudi-Arabien hatte Deutschland saudischen Sicherheitskreisen zufolge vor dem Mann gewarnt. Das Königreich habe seine Auslieferung beantragt. Darauf habe Deutschland nicht reagiert, hieß es. Den Sicherheitskreisen zufolge stammt er aus der Stadt Al-Hofuf im Osten Saudi-Arabiens und war Schiit. „Wir können nur gesichert sagen, dass der Täter offensichtlich islamophob war“, sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser am Tag nach der Tat in Magdeburg. Alles Weitere sei Gegenstand der Ermittlungen. Was es an Warnungen im Vorfeld gegeben habe oder nicht, obliege den Ermittlungsbehörden, betonte die SPD-Politikerin.
„Ich werde Gerechtigkeit um jeden Preis herbeiführen.“
Seit einiger Zeit veränderte sich das Auftreten des saudischen Arztes in den sozialen Netzwerken, wurde aggressiver. „Ich erwarte ernsthaft, dieses Jahr zu sterben“, hieß es auf X-dem Account von Taleb A. im Mai dieses Jahres. „Ich werde Gerechtigkeit um jeden Preis herbeiführen.“ Die deutschen Behörden würden alle Wege zur Gerechtigkeit blockieren. Ob der Saudi die Beiträge wirklich alle selbst verfasste, war zunächst nicht klar.
Fan von Elon Musk und der AfD
Erst vor rund zehn Tagen veröffentlichte die amerikanische Plattform „RAIR“, die sich selbst als antimuslimische Graswurzel-Organisation beschreibt, ein mehr als 45 Minuten langes Interview mit dem Arzt. Darin wirft er unter anderem der deutschen Polizei vor, „geheime Operationen“ durchzuführen und das Leben von saudischen Asylsuchenden, die sich vom Islam losgesagt hätten, gezielt zu zerstören. Zudem äußerte er sich als Fan von X-Inhaber Elon Musk und der AfD, die die gleichen Ziele wie er verfolge. Gleichzeitig bezeichnete er sich aber politisch als links. „Ich bin nicht rechts, ich bin ein Linker.“
Der Amokfahrer war kein Mitglied der AfD. „Wir können ausschließen, dass der Täter von Magdeburg Mitglied der AfD war“, sagte ein Sprecher von Parteichefin Alice Weidel der „Rheinischen Post“. Es habe auch nie ein Mitgliedsantrag vorgelegen.
Mögliches Motiv: Unzufrieden mit Umgang von Flüchtlingen aus Saudi-Arabien
Bei den Vernehmungen habe sich Taleb A. auch zu einem möglichen Motiv geäußert, sagte Oberstaatsanwalt Nopens. Dieses könne nach dem gegenwärtigen Stand der Ermittlungen möglicherweise eine Unzufriedenheit mit dem Umgang von Flüchtlingen aus Saudi-Arabien in Deutschland sein. Nach dpa-Informationen stellte der Arzt selbst, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Jahre in Deutschland aufhielt, im Februar 2016 einen Asylantrag, über den im Juli desselben Jahres entschieden wurde. Der saudische Staatsbürger erhielt damals Asyl als politisch Verfolgter. (dpa)